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Aus der Wörterbuch-Werkstatt
der Brüder Grimm

Die von der Krakauer Jagiellonen-Bibliothek aufgefundenen Wörterbuch-Handexemplare der Brüder Grimm und  weitere Funde zum Grimmschen Wörterbuch wurden in einem ausführliche Forschungsbericht im „Brüder Grimm Gedenken“, Band 16, vorgestellt.  Diese Seite präsentiert einige der darin enthaltenen Informationen.

Die Krakauer Handexemplare sind nur eine wesentliche Gruppe von Quellen zur frühen Geschichte des “Deutschen Wörterbuchs” während der letzten 25 Lebensjahre der Brüder Grimm. Ein ähnliches Handexemplar Wilhelm Grimms mit Nachträgen, wie sie in Krakau von Jacob Grimm erhalten sind, befindet sich im Museum Haldensleben. Diejenigen zwei Bände in Krakau allerdings, die als Handexemplare Wilhelm Grimms galten, hielten Überraschungen bereit:

Krakauer Exemplar "Wilhelm Grimms"

(Abbildung: Biblioteka Jagiellońska Kraków)

Aus den zwei Bänden, die bisher Wilhelm Grimm zugeschrieben wurden, liegen mittlerweile Probescans der ersten Lieferung von 1852, A bis ALLVEREIN, und vom Anfang des Buchstabens D vor. Die Überraschung ist: im Bereich A bis ALLVEREIN gibt es keine einzige Notiz Wilhelm Grimms, und auch im Bereich des D sind nur ganz wenige Notizen von ihm zu sehen. Es ist  ganz eindeutig: Bei diesen bereits gescannten Teilen der Bände ”Wilhelm Grimms” handelt es sich größtenteils um eine Sammlung von Korrekturbögen, die Arbeitsprozesse aus der Zeit vor der Publikation des Wörterbuchs wiedergeben. Die meisten Notizen stammen hier aus dem Hirzel-Verlag in Leipzig, vom Korrektor Rudolf Hildebrand, der später einer der Fortsetzer der Wörterbuchs wurde, vom Verleger Salomon Hirzel, vereinzelt auch von dessen Schwager Karl Reimer, der das Wörterbuch angeregt und in der Anfangsphase ab 1838 das Wörterbuch verlegerisch mit vorbereitet hatte.
Von Jacob Grimm gibt es in diesem Exemplar - soweit bisher gescannt - im Bereich des A vereinzelt Notizen, von Wilhelm Grimm im Bereich des D. Das erklärt sich aus ihrem jeweiligen Arbeitspensum: Jacob Grimm lieferte 1852 bis 1855 A bis C, Wilhelm Grimm übernahm das D, Jacob Grimm stieg später wieder mit E und F ein. Sie bekamen anscheinend aus Leipzig zwei Exemplare Korrekturbögen, eins mit den Notizen und Anfragen aus dem Verlag und ein anderes ohne Notizen, auf das sie ihre eigenen Korrekturen und ihre Ansichten zu den Leipziger Vorschlägen und Anfragen notierten. Diese letztgenannten Korrekturbögen mit ihren eigenen Korrekturen schickten sie dem Verlag zurück, von wo sie in die Druckerei gegeben und in den Satzspiegel eingearbeitet wurden. Auch von den Korrekturbögen mit den Entscheidungen der Grimms ist ein großer Teil erhalten. Sie befinden sich in der Staatsbibliothek zu Berlin. (Einige zusätzliche Blätter dieser Art tauchten im Januar aus Anlaß der zahlreichen Presseberichte in Privatbesitz auf und werden nun ebenfalls der Berliner Staatsbibliothek übergeben.)

Wie konnte es aber dazu kommen, daß die zwei Bände, die (wie wir jetzt annehmen können) Korrekturbögen enthalten, als das Handexemplar Wilhelm Grimms galten? Diese Zuschreibung geht auf den Sohn Wilhelm Grimms, Herman Grimm, zurück. Dieser brachte die neun Bände, die sich heute in Krakau befinden, 1898 persönlich in die Königliche Bibliothek Berlin, damals noch in dem unter Friedrich II. erbauten Haus am Berliner Opernplatz. Der Direktor der Bibliothek notierte: ”Die beiden stärkeren Bände sind das Exemplar Wilhelms, die sieben dünneren das Jakobs” (zit. nach: Brüder Grimm Gedenken 16). Offenbar hatte Herman Grimm dies bei der Übergabe so mitgeteilt. Worauf seine Annahme gründete, läßt sich zur Zeit noch nicht eindeutig beantworten. Höchstwahrscheinlich ist dafür aber die in den Korrekturnotizen sehr zierliche Handschrift des Korrektors Rudolf Hildebrand verantwortlich, die auf den ersten Blick Ähnlichkeiten mit der Handschrift Wilhelm Grimms hat, auf den zweiten Blick aber auch deutliche Unterschiede zu ihr aufweist. Ein Vergleich mit Briefen Hildebrands aus der ersten Hälfte der 1850er Jahre ergab zweifelsfrei, daß er und nicht Wilhelm Grimm Autor der zahlreichen Notizen  ist, die man in den Probescans aus diesen beiden Bänden sehen kann. So endet möglicherweise 2006 eine Legende über diese zwei Bände, die 1898 ihren Ausgang beim Sohn Wilhelm Grimms nahm - um Tatsachen Platz zu machen, die nicht weniger spannend sind. Denn vom Ausmaß des intensiven Dialogs zwischen Verlag und den beiden Autoren Grimm in Berlin über Einzelheiten der Wortartikel konnte man bisher kaum ein genaues und einigermaßen vollständiges Bild haben. Die Dokumente über die Mitwirkung des Korrektors und des Verlegers haben aber bereits die Brüder Grimm bewahrenswert gefunden und, soweit aus den bisher ausgewerteten Proben ersichtlich, in den zwei Bänden gesammelt, die in Krakau wieder aufgefunden wurden und die die ersten zwei der neun dort vorhandenen sind.

Auch die Manuskripte der Brüder Grimm für das Wörterbuch sind erhalten, größtenteils in der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. Des weiteren sind die Briefwechsel mit den Verlegern des Wörterbuchs, Karl Reimer und Salomon Hirzel, vollständiger erhalten (und zugänglich) als sonstige Verlegerbriefwechsel der Brüder Grimm. Auch die Briefwechsel mit den Exzerptoren, die den Brüdern Grimm Hilfe leisteten, sind weitgehend erhalten, wie beispielsweise der in der kritischen Briefausgabe bereits erschienene mit dem Göttinger Exzerptor Universitätssekretär Gabriel Riedel. Belegzettel für das Wörterbuch aus der Grimm-Zeit gibt es noch in Bibliotheken, Archiven und Museen, vor allem aber bei der Berliner Arbeitsstelle des Wörterbuchs. Bücher, aus denen die Brüder Grimm selbst für das Wörterbuch exzerpiert haben und in denen man Spuren davon finden kann, bewahren beispielsweise die Berliner Universitätsbibliothek und das Museum Haldensleben. Eindeutig ist es beispielsweise bei einer in Haldensleben vorhandenen Lessing-Ausgabe und bei den dort sogar in zwei verschiedenen Ausgaben vorhandenen Werken Christian Fürchtegott Gellerts der Fall.

Somit ist die Arbeit der Brüder Grimm an ihrem Wörterbuch so gut nachvollziehbar wie die an keinem anderen ihrer Werke. Dies läßt sich noch verallgemeinern: für kaum ein anderes ähnliches Werk jener Epoche dürften die Arbeitsprozesse noch so gut rekonstruierbar sein. Das entscheidende große Stück des Puzzles, das bisher fehlte, sind die Krakauer Exemplare des Wörterbuchs aus dem Besitz der Brüder Grimm. Nun aber ist es möglich, die spannende Geschichte der wissenschaftlichen, organisatorischen und verlegerischen Arbeit an so einem Jahrhundertwerk, wie sie um 1850 / 60 aussah, neu zu schreiben.

Die optisch attraktivsten und an Neuem gehaltreichsten unter all diesen Materialien sind zweifellos die sieben Bände der Handexemplare Jacob Grimms mit seinen Nachträgen zum Wörterbuch. Allein für den Bereich der ersten Lieferung notierte er etwa 330 neue Stichwörter, deren Aufnahme in eine spätere Ausgabe er erwogen hätte, von AALKISTE über ABENDGOLDGEWÖLK und ABENDRAST, ABGESCHLAGENHEIT und ABGRUNDSUNGEHEUER, ABSCHIEDSLIEDCHEN und ABSCHRÄGUNG, AFFENTHIER und AHNENSTAMM bis ALLGEHORSAM und ALLVERBREITUNG. Die Liste der ca. 330 lediglich für die 240 Druckspalten der ersten Lieferung nachgetragenen Stichwörter hat Alan Kirkness im Grimmforum veröffentlicht.
Weit zahlreicher noch als diese neuen Stichwörter sind jedoch die Notizen zu Bedeutungsvarianten, nachgetragene Belege über die frühere Verwendung der Wörter und ähnliches. Jacob Grimms Krakauer Exemplar mit solchen Nachträgen umfaßt den gesamten Bereich A bis F, den die Brüder Grimm selbst bearbeiten konnten. Auch zum Buchstaben D, an dem sein Bruder tätig war, notierte er zahlreiche Nachträge, wie die mittlerweile vorliegenden Probescans zeigen. Die Dichte der Nachträge nimmt aber naturgemäß gegen das Ende ab, da Jacob Grimm nur noch wenig Lebenszeit für solche Nachträge blieb und die Nachträge offenbar vor allem als Nebenprodukte der Ausarbeitung neuer Artikel zustandekamen, also erst dann wieder in vermehrtem Umfang, als er an den Buchstaben E und F arbeitete.

Ein ähnliches Exemplar Wilhelm Grimms, allerdings nur für den Bereich des ersten Buchhandelsbandes A bis BIERMOLKE, befindet sich wie gesagt im Museum Haldensleben. Sicherlich hat er auch für den Rest des B, für C, möglicherweise auch für den von ihm bearbeiteten Buchstaben D ähnliche Nachträge vorgenommen. Da er 1859 unmittelbar nach Abschluß des D starb, blieben diese Bögen vermutlich ungebunden. Wo sie sich befinden, ist (noch) nicht bekannt. Im Bereich A / B sind Wilhelm Grimms Nachträge zur Arbeit seines Bruders ganz ähnlicher Art wie dessen Nachträge in seinem Exemplar. Neben Korrekturen von Fehlern gibt es neu angesetzte Stichwörter ebenso wie nachgetragene Belege und Bedeutungserklärungen.

Jacob Grimms Arbeit am Wörterbuch kann neuerdings nicht nur anhand des Briefwechsels und der verschiedenen Arbeitsmaterialien nachverfolgt werden, sondern im “Brüder Grimm Gedenken” 16 erscheint ein von ihm selbst angelegtes Protokoll seiner Arbeit, das fast vom Anfang der Arbeiten bis genau zum letzten Stichwort FRUCHT reicht, zu dem er den Artikel noch begann. Die Blätter des Protokolls befanden sich unidentifiziert an verschiedenen Stellen des Grimm-Nachlasses in Berlin und Marburg und wurden letztes Jahr vollständig aufgefunden und zusammengefügt.

Über die genannten und über andere Dokumente aus der Wörterbuchwerkstatt der Brüder Grimm informiert außer dem neuen Band “Brüder Grimm Gedenken” auch eine Veranstaltung am Gründonnerstag, 13. April, 16 Uhr bei der Grimm-Sozietät zu Berlin e. V., gegr. 1991, in der Jägerstraße 10—11 in Berlin. Interessierte sind herzlich willkommen!

(BF, ACK)

Anfang von Jacob Grimms Protokoll über die Ausarbeitung des Wörterbuchs:

Protokoll Jacob Grimms zur Arbeit am Wörterbuch

(Abbildung aus: Brüder Grimm Gedenken 16, Stuttgart 2005;
Original: Staatsbibliothek zu Berlin
)

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                            Grimmnetz 03.02.2015