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Am Anfang einer neuen Wissenschaft

Die Germanistik als Wissenschaft der deutschen und germanischen Sprachen und Literaturen, wie sie bis vor kurzem als Studien- und Forschungsfach an allen deutschen und den größeren internationalen Universitäten vertreten war, entstand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wird im allgemeinen Bewusstsein nicht zu Unrecht von den Brüdern Grimm hergeleitet1.Vignette vom Titelblatt des Grimmschen Wörterbuchs Das 19. Jahrhundert sah Deutschland, das jahrzehntelang gar keine stabile Staatlichkeit hatte, als eine Pioniernation in der Gestaltung der Wissenschaften. Erlebten die Naturwissenschaften damals eher eine Potenzierung und Auffächerung von Tendenzen, die schon auf die Renaissance zurückgingen, und lieferten in ihrem differenzierten und leistungsfähigen Gefüge das Wissen für eine entstehende Industriegesellschaft, so formten sich die Geistes- und Sozialwissenschaften erst jetzt in einem vorher nie gekannten Ausmaß neu, nicht zuletzt eben in Partnerschaft mit den erfolgreichen Naturwissenschaften und nach dem Richtmaß von deren weitaus soliderer Methodik. Eine Leitwissenschaft sowohl für andere Nationalphilologien wie auch für die Neugestaltung etablierter Fächer wie der Geschichtswissenschaft wurde die Germanistik. Ihre Geschichte im 19. Jahrhundert ist eng mit der Agonie und der Neuherstellung des deutschen Nationalstaats verbunden. Gerade in den Jahrzehnten von dessen größter Schwäche und des Aufkommens mächtiger Einzelstaaten wie Preußen, Österreich und Bayern steckte sie ihr Arbeitsgebiet ab und trat im Vorfeld der Revolution mit den beiden Germanistenversammlungen in Frankfurt und Lübeck 1846 und 1847 unter ihrem damals noch neuen Namen Germanistik in die nicht nur wissenschaftliche Öffentlichkeit. Vertreter ihrer Gründergenerationen (auch Jacob Grimm) saßen als Abgeordnete in der Paulskirche, spätere Generationen salutierten der Reichsgründung 1870 / 71, deren Schüler wiederum standen in der Weimarer Republik zumeist weit rechts; aus dem Abgrund der Jahre 1933 bis 1945 ging dann auch diese Wissenschaft mitschuldig hervor und mußte sich grundsätzlich in Frage stellen lassen.

Die Anfänge der Grimmschen Germanistik liegen in der Begegnung der zu Beginn ihrer Studien 1803 und 1804 jeweils achtzehnjährigen Brüder mit dem Freundeskreis um ihren Jura-Professor Friedrich Carl von Savigny in Marburg. Bei Savigny hörten sie unter anderem Vorlesungen über die Geschichte des römischen Rechts, das aufgrund byzantinischer Kompilationen seit dem Mittelalter die wesentliche Quelle des gesamten europäischen Rechts ist. Die Rechtsgeschichte verfügte ähnlich wie die klassische Philologie über eine lange und bewährte Tradition quellenkundlicher Arbeit, die Savigny sich perfekt angeeignet hatte und die die Brüder Grimm bei ihm erlernten. Seinen Lieblingsschüler Jacob Grimm lud Savigny 1805 für mehrere Monate nach Paris ein, wo beide gemeinsam Quellenschriften des römischen Rechts exzerpierten. Aus dem Studium bei Savigny nahmen die Brüder Grimm das methodische Rüstzeug für diejenige weitaus brotlosere Wissenschaft, die sie sich bald darauf als ihr Lieblingsstudium erkoren.

Über Savigny lernten sie Clemens Brentano kennen, der sich damals mit der älteren deutschen Literatur beschäftigte und eine wertvolle Sammlung alter Bücher zusammengetragen hatte, was zunächst einer allgemeinen Tendenz und Mode entsprach. Ungewöhnlich war jedoch, daß Brentano und Achim von Arnim sich mit einer sonst noch nie dagewesenen Ernsthaftigkeit daran machten, literarische Texte zu sammeln, die in der großen Masse des Volkes umliefen, auch in seinen unteren Schichten. Diese Sammelbestrebungen erstreckten sich auf alle Arten von derartigen Texten; zum Abschluss kam die gemeinsame Volksliedsammlung, die unter dem Titel „Des Knaben Wunderhorn“ erschien. Mit solchen Interessen steckte Brentano die Brüder Grimm an. Sie sammelten für ihn und wirkten an den Bänden 2 und 3 und am Anhang „Kinderlieder“ des „Wunderhorns“ mit2.

Die Teilnahme an den Sammlungen für das „Wunderhorn“ war der Keim für die eigenen Sammlungen der Brüder Grimm: der Märchen, der Sagen, der Motive epischer volkstümlicher Literatur, aber auch der Weistümer, der Belege für alte deutsche Heldensagen in der mittelalterlichen (deutschen und lateinischen) Literatur usw.

In den Jahren 1807 und 1808 erschienen die ersten Aufsätze der Brüder Grimm in der bayerischen Literaturzeitschrift „Neuer literarischer Anzeiger“ und in der von Achim von Arnim herausgegebenen „Zeitung für Einsiedler“. Verglichen mit Vorläufern des 18. Jahrhunderts und mit zeitgenössischen Arbeiten ähnlicher Thematik, dokumentieren diese Aufsätze zum Nibelungenlied, über den Minnesang und den Meistergesang und über Themen wie „Von Übereinstimmung der alten Sagen“ oder „Gedanken: wie sich die Sagen zur Poesie und Geschichte verhalten“ eine erhebliche Veränderung der Perspektive, in der die frühzeitlichen und mittelalterlichen Kulturen erscheinen, insbesondere durch die Konkretisierung der vorher eher vagen Vorstellungen über die Mündlichkeit in früheren Stadien der Kultur- und Literaturgeschichte, deren Spuren die Brüder Grimm fortan überall zu entdecken und sicherzustellen suchten3. Mit der Grundannahme eines Dualismus von Naturpoesie und Kunstpoesie knüpften sie an einen Denkprozess über die Eigenart der modernen westeuropäischen Kulturen an, der während des frühen Barocks im spanischen Weltreich begonnen hatte und aus den Literaturen Frankreichs und Englands zur Zeit Gottscheds nach Deutschland gelangt war4. Für die Brüder Grimm war die schrittweise Verdrängung von Mündlichkeit durch Schriftlichkeit das Hauptkriterium der Unterscheidung innerhalb ihrer Version der überkommenen Lehre von der Zweiteilung der Kulturgeschichte in die Epochen der Natur und der Kunst. Die unsichere oder vielmehr irrige Gesamtchronologie der Menschheitsgeschichte, mit der man sich zu ihrer Zeit noch abzufinden hatte, vermag zum Teil zu erklären, warum bei heutiger Lektüre manche Grimmsche Einschätzungen über das Alter einzelner Vorstellungen, Sprachformen, Stoffe und Motive unrealistisch wirken müssen. Das ändert aber nichts an der Berechtigung des Bezuges auf die Mündlichkeit, die ja, gemessen an der Gesamtzeit der Geschichte, weit längere Epochen begleitete als die Schriftkultur. „Die Literatur eines Volkes besteht nicht allein in Büchern. Das im Munde des Volkes Lebende gehört zur Literatur“5, es ist nichts Triviales, Verächtliches, kein unbeholfener Abfall der Hochkultur, sondern ist dem Ursprung der Kultur näher als das geschriebene Wort und haftet diesem als Grundsubstanz noch an.

Die Herausbildung neusprachlicher Nationalphilologien, für die die Germanistik der Brüder Grimm gesamteuropäisch ein anerkannter Prototyp war, brachte die Emanzipation von Idealen und Traditionen der Antike an einen Wegpunkt, von dem eine Rückkehr nicht mehr denkbar scheint. Statt eines Urbildes gibt es nun eine Vielzahl von Urbildern. Als geschichtsphilosophisches Grundmuster wird die Dualität zwischen Frühzeitlichem und Modernem, zwischen Naivem und Sentimentalischem weitergedacht, aber die griechisch-römische Mittelmeerkultur ist aus ihrer singulären Stellung innerhalb dieses Denkens entlassen und in den allgemeinen Zyklus von Natur- und Kunstpoesie integriert, wobei innerhalb der Antike ebenso wie im Mittelalter nur ein geringerer Anteil der überlieferten Literatur zur Naturpoesie zählt oder einen Abglanz von ihr bewahrt.

Zu ihrem Beitrag bei der Begründung eines neuen wissenschaftlichen Fachgebiets gehört das Verdienst der Brüder Grimm, dass es ihnen nach kurzer schwärmerischer Skepsis als ersten gelang, in weitem Umfang historisch-kritische Methoden für die Arbeit an der älteren deutschen Sprache und Literatur anzuwenden und durchzusetzen. Mit dem Ziel einer allgemeinen Geschichte der Poesie, das sie sich in der Zeit vor 1812 stellten, nahmen sie ganz wörtlich ein Arbeitsprogramm auf, dem bereits seit 20 Jahren Herder und seit neuestem auch die Brüder Schlegel und Tieck nachgestrebt hatten, von dem letzterer sich in seiner Vorrede zu seiner Ausgabe von Minneliedern 1803 jedoch mit den Worten verabschiedet hatte, es werde immer ein unnerreichbares Ideal bleiben. Für die Brüder Grimm bedeutete dieses Ziel zunächst, daß sie umfangreiche Sammlungen anlegten, um die frühesten Zeugnisse westeuropäischer Dichtung belegen, um ihre Herkunft, Entwicklung und gegenseitigen Beziehungen beobachten zu können, ähnlich wie Savigny der ursprünglichen Form des römischen Rechts und seiner Rezeption im Mittelalter nachgegangen war. Zu einem induktiven, empirischen Verfahren der Wissenschaft haben sie sich deutlich bekannt und tatsächlich ihre Arbeiten zunächst ein Jahrzehnt lang mit dem vorbehaltlosen Sammeln des Vorhandenen bzw. Erreichbaren begonnen. Unter ihren damaligen Sammlungen waren die im Druck erschienenen Märchen und Sagen wie auch einige ebenfalls zur Veröffentlichung gereifte Editionen schriftliterarischer Texte in Originalen und Übersetzungen, wobei es sich aber stets um Texte handelte, die sie in einem nahen Bezug zur epischen Mündlichkeit sahen.

Diesen induktiven Erkenntnisweg setzten die Brüder Grimm sich allerdings von früh an nicht als unverrückbares Dogma, woraus eine Verarmung an Theorie und Gesamtschau hätte folgen können, sondern ihre größeren veröffentlichten Arbeiten enthalten fast immer ein gewisses Maß an hypothetischen, mitunter nur geahnten oder vorgefassten und zunächst unbeweisbaren Annahmen. Ja, selbst die Schlüsselannahme ihrer Wissenschaft, die einer absterbenden mündlichen Poesie, die in die Frühzeit der Menschen zurückreicht und von der noch Reste aufzufinden sind, war in einem höheren Maß zunächst eine Hypothese, als man heute nach der zwischenzeitlichen ethnologischen Erkundung rezenter steinzeitlicher Kulturen vielleicht annehmen möchte.

Tiecks Prognose, das Ziel einer Geschichte der Poesie werde ein unnerreichbares Ideal bleiben, bewahrheitete sich auch an den Brüdern Grimm. Gemessen am ursprünglichen Anspruch, blieben auch ihre Bücher, Aufsätze und unveröffentlichten Sammlungen Bruchstücke. Sie steckten der Geschichte der Poesie gewissermaßen von mehreren verschiedenen Gesichtspunkten her Lichter auf, Jacob Grimm vielseitiger als sein Bruder, der mehr im Gebiet der eigentlichen schönen Literatur verblieb und mit seinem Hauptwerk Die deutsche Heldensage (1827) eine Stoffgeschichte schrieb, die dem, was die Brüder Grimm sich anfangs als eine Geschichte der Poesie vorgestellt hatten, für diesen umgrenzten Bereich recht nahe kommt. Die Germanistik in der Ausprägung, wie sie auf den Germanistenversammlungen 1846 und 1847 auftrat, umfasste die Forschungsgebiete der deutschen und germanischen Literaturen, Geschichte, Rechtsgeschichte, Volkskunde und Mythologie, jedes dieser Teilgebiete auch in seinen indoeuropäischen Ursprüngen und Beziehungen. Jacob Grimm war in allen diesen Teildisziplinen — ausgenommen die politische Geschichtsschreibung — mit Grundlagenwerken vertreten, Wilhelm Grimm in einigen nur mit kleineren Beiträgen. Schon unter ihren Zeitgenossen hat niemand dieses Themenspektrum mit solcher Intensität wie Jacob Grimm bearbeitet.

Mir Recht sah Jacob Grimm die Sprachwissenschaft als ein Band an, das alle germanistischen Teilgebiete durchzieht, da sie überall das elementare sprachliche Verständnis der vorhandenen Quellen ermöglicht. Gerade in der Sprachwissenschaft ereignete sich zur Zeit der Brüder Grimm Bahnbrechendes, und spätestens hier müssen auch einige andere Persönlichkeiten aus der Frühzeit der Germanistik erwähnt werden. Die Sprachwissenschaft nahm in der Grimm-Zeit wie andere Gesellschaftswissenschaften eine Wendung zum Historischen, während zuvor philosophische, systematisierende oder reglementierende sprachwissenschaftliche Arbeiten überwogen hatten6. Waren zuvor zwar Ähnlichkeiten verwandter Sprachen erkannt worden, so gelangte die Sprachwissenschaft nun zu Erkenntnissen über die Genealogie der europäischen Sprachen und über Gesetzmäßigkeiten sowohl in den Beziehungen zwischen diesen Sprachen als auch innerhalb der Entwicklung der jeweils einzelnen Sprachen, die in ihren Grundzügen bis heute die wissenschaftliche Lehrmeinung geblieben sind. Für die Gruppe der germanischen Sprachen schuf Jacob Grimm die Übersicht der Genealogien und Regeln in seiner Deutschen Grammatik (1819—1837), die sein berühmtestes Werk geblieben ist, während er selbst noch mehr an seinerGeschichte der deutschen Sprache (1848) hing, in der er danach strebte, aus der Sprache Schlüsse auf das Leben und Denken der frühzeitlichen germanischen Völker zu ziehen.

Für die Grammatik kam es Jacob Grimm zugute, daß mittlerweile das Sanskrit und das Gotische als jeweils früheste noch dokumentierte Vertreter der indoeuropäischen bzw. germanischen Sprachen erkannt und erforscht wurden. Die moderne Kenntnis des Sanskrit ging Ende des 18. Jahrhunderts von William Jones, die des Gotischen von Friedrich Carl Fulda aus; die des Sanskrit vertieften die Brüder Schlegel, Bopp und Lassen, die des Gotischen und der Beziehungen der germanischen Sprachen untereinander Rask, Uppström und Mai. So wie diese neben Jacob Grimms Grammatik zu nennen sind, wären auch für die anderen Forschungsthemen der Germanistik viele Persönlichkeiten anzuführen, die neben und mit den Brüdern Grimm arbeiteten und das Bild der Germanistik bis 1846 / 47 prägten: Benecke, Graff, von der Hagen, Schmeller, Uhland, Maßmann und mit den Jahrzehnten eine wachsende Zahl von Schülern.

An den deutschen Universitäten fasste die Germanistik schnell Fuß. Bis sie flächendeckend und kontinuierlich vertreten war, verging allerdings etwa ein halbes Jahrhundert7. Die Brüder Grimm lebten bis 1829 in Diskrepanz zwischen ihrem glänzenden europäischen Ruf und einer bescheidenen, gegen Ende sogar schikanösen Stellung als Bibliothekare in Kassel. Mit der Übernahme von Bibliothekars- und Professorenstellen an der Universität Göttingen traten sie 1830 in einen neuen Abschnitt ihres Lebens ein. Jacob Grimm hielt 1831—1837 in allen Semestern mit Ausnahme des Sommersemesters 1833 Vorlesungen über Die Grammatik der alten deutschen Sprache mit Hinsicht auf die heutige, Die Geschichte der deutschen Literatur von der ältesten bis zur neuesten Zeit, Paläographie, Tacitus Germania, Die Geschichte der Alterthümer des deutschen Rechts und Erklärung einzelner Stücke aus Wackernagels altdeutschem Lesebuch. Wilhelm las in drei Semestern jeweils zwei oder drei Wochenstunden über Das Gedicht der Nibelungen und Die Gudrun8.

1837 gerieten die Brüder Grimm nach der Aufhebung der 1834 vereinbarten Landesverfassung durch den neuen hannoverschen König Ernst August in Konflikt mit dem Staat, da sie mit fünf anderen Professoren der Universität Göttingen eine Eingabe an die vorgesetzte Behörde richteten, in der sie ihre Überzeugung erklärten, daß das Staatsgrundgesetz seiner Errichtung und seinem Inhalte nach gültig sei. Sie könnten es nicht stillschweigend geschehen lassen, daß dasselbe ohne weitere Untersuchung und Verteidigung … allein auf dem Wege der Macht zugrunde gehe, vielmehr hielten sie sich durch ihren auf das Staatsgrundgesetz … geleisteten Eid fortwährend verpflichtet. Diese bald in der deutschen und internationalen Presse bekanntwerdende Erklärung veranlasste die Vernehmung der Professoren vor dem Universitätsgericht und am 11. Dezember 1837 die Entlassung aller sieben Professoren aus ihren Ämtern an der Universität Göttingen.

Im Herbst 1838 schlossen die Brüder Grimm mit der Weidmannschen Buchhandlung einen Vertrag über die Ausarbeitung eines historisch gedachten Deutschen Wörterbuchs, das den gesamten Wortschatz der neuhochdeutschen Epoche von Luther bis Goethe enthalten sollte. Nachdem ihnen fast drei Jahre ihre Gehälter aus Mitteln einer von Leipzig aus koordinierten Spendensammlung weitergezahlt worden waren, wurden sie am 2. November 1840 von dem neuen preußischen König Friedrich Wilhelm IV. als Mitglieder der Akademie der Wissenschaften mit einem Sondergehalt nach Berlin berufen. Damit kamen sie in sozial gehobene, materiell großzügigere Verhältnisse, die ihnen jedoch politische Zurückhaltung auferlegten. Ihre Berliner Alterszeit ist durch die Arbeit am Deutschen Wörterbuch und akademische Ehrenpflichten geprägt (z. B. war Jacob Grimm Mitglied in der Kommission zur Bearbeitung der Prachtausgabe Œuvres de Frédéric le Grand, 31 Bde., 1846—1857). Bis 1848 (Jacob) und 1852 (Wilhelm) hielten sie auch Vorlesungen an der Berliner Universität, diesmal — anders als in Göttingen — Wilhelm intensiver als Jacob, Jacob nun nicht mehr über Paläographie und aus der deutschen Literaturgeschichte nur noch über die des 10. und 11. Jahrhunderts, aber zusätzlich über Deutsche Mythologie, Wilhelm Grimm nicht mehr über das Nibelungenlied (das Spezialthema seines nunmehrigen Berliner Kollegen Karl Lachmann), aber wiederum über Gudrun (und in Verbindung damit über die Geschichte des altdeutschen Epos) sowie zusätzlich über Freidanks Bescheidenheit, Hartmanns Erek, Konrads von Würzburg Engelhard und das mittelhochdeutsche Gedicht Der Winsbeke und die Winsbekin9.

Im Jahr 1848 war Jacob Grimm Abgeordneter des rheinpreußischen Bezirks Essen-Mülheim in der Frankfurter Nationalversammlung. Er schloss sich nach seiner Überzeugung Anträgen verschiedener Richtungen an und setzte sich dafür ein, der staatlichen Einigung Priorität in der Arbeit des Parlaments zu verschaffen und den Beschluss einer deutschen Verfassung zu beschleunigen.

1852 erschien die erste Lieferung des Deutschen Wörterbuchs, 1854 wurde der Band 1 mit einer ausführlichen Vorrede Jacob Grimms abgeschlossen. In den folgenden Jahren arbeiteten die Brüder Grimm das Wörterbuch selbst noch bis zum vierten Band (Artikel Frucht) aus.

Am 16. Dezember 1859 starb Wilhelm Grimm an den Folgen einer entzündlichen Erkrankung, am 20. September 1863 Jacob Grimm nach zwei Schlaganfällen. Beide sind auf dem St.-Matthäus-Friedhof in Berlin-Schöneberg begraben.

 

Anmerkungen

1 Nähere Einführungen in die Biographien und Werke der Brüder Grimm, jeweils mit reichhaltigen Literatur- und Quellenangaben, bei Ludwig Denecke: Jacob Grimm und sein Bruder Wilhelm. Stuttgart 1971. (Sammlung Metzler. Bd. 100.)

2 Siehe Heinz Rölleke: Clemens Brentano und die Brüder Grimm im Spiegel ihrer Märchen. In: ders.: Die Märchen der Brüder Grimm. Quellen und Studien. Gesammelte Aufsätze. Trier 2000, S. 57—66, hier S. 57 f.

3 Weiterführend hierzu Ludwig Denecke: Das dynamische Konzept der Brüder Grimm. In: Jürgen Kühnel u. a. (Hrsg.): Mittelalter-Rezeption. Gesammelte Vorträge des Salzburger Symposions ‘Die Rezeption mittelalterlicher Dichter und ihrer Werke in Literatur, Bildender Kunst und Musik des 19. und 20. Jahrhunderts. Göppingen 1979, S. 63—79. (Göppinger Arbeiten zur Germanistik. Nr. 286.)

4 Werner Krauss: Der Streit der Altertumsfreunde mit den Anhängern der Moderne und die Entstehung des geschichtlichen Weltbildes. In: ders.: Essays zur französischen Literatur. Berlin und Weimar 1978, S. 130—194.

5 Jacob Grimm am Beginn seiner Vorlesung über deutsche Literaturgeschichte an der Universität Göttingen im Sommersemester 1834, nach Ludwig Denecke: Märchen verbinden die Völker. In: Röth, Dieter; Kahn, Walter (Hrsg.): Märchen und Märchenforschung in Europa. Ein Handbuch. Frankfurt a. M. 1993, S. 14.

6 Hierzu und zum folgenden siehe Hans Arens: Sprachwissenschaft. Der Gang ihrer Entwicklung von der Antike bis zur Gegenwart. Freiburg und München 1955.

7 Siehe Uwe Meves: Zum Institutionalisierungsprozeß der Deutschen Philologie: Die Periode der Lehrstuhlerrichtung. In: Wissenschaftsgeschichte der Germanistik im 19. Jahrhundert, hrsg. von Jürgen Fohrmann und Wilhelm Voßkamp. Stuttgart und Weimar 1994, S. 115—203.

8  Else Ebel: Jacob und Wilhelm Grimm und ihre Vorlesungstätigkeit in Göttingen 1830—1837. In: Brüder Grimm Gedenken. Bd. 4, Marburg 1984, S. 56—98.

9 Corinna Gerhardt: Jacob und Wilhelm Grimm als Hochschullehrer in Berlin. In: Brüder Grimm Gedenken. Bd. 11, Stuttgart und Leipzig 1995, S. 80—99.

(Abbildung oben: Titelvignette zum „Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, seit 1854)

 

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                            Grimmnetz 22.04.2015